Der Wald tut so gut

Stiller Wald Mittenwald, Bestattungswald Waldruh Dietramszell – inmitten der Natur würdevoll Abschied nehmen:


Ein Waldspaziergang mit Hermann Hesse: „Bäume sind Heiligtümer. Wer mit ihnen zu sprechen, wer ihnen zuzuhören weiß, der erfährt die Wahrheit. Sie predigen nicht Lehren und Rezepte, sie predigen, um das einzelne unbekümmert, das Urgesetz des Lebens. …“


Die Zufahrt zum Begräbniswald ist nicht einfach zu finden, ein matschiger Forstweg führt zum Parkplatz. Ausgestattet mit gutem Schuhwerk, warmen Mantel, Mütze und Handschuhen suche ich den an einem kleinen See gelegenen Aussegnungsplatz auf. Ich tauche in den Wald ein, die Luft ist klar, riecht würzig, mildes Licht dringt durch die dicht stehenden Bäume.


Ich stehe im kalten, stillen Wald, ich schließe die Augen, konzentriere mich, fühle mich mit der Erde fest verwachsen. Vor mir sitzen die Trauergäste auf schlichten Holzbänken. Neben mir platzieren die Försterinnen die Urne auf einem Baumstumpf. Schlichter Blumenschmuck umringt das Gefäß. Ein großes Foto im Bilderrahmen, zeigt den bis vor wenigen Wochen noch fröhlich dreinblickenden Menschen, von dem heute Abschied genommen werden soll. In den Bäumen raschelt leise der Wind.


„… Ein Baum spricht: In mir ist ein Kern, ein Funke, ein Gedanke verborgen, ich bin Leben vom ewigen Leben. Einmalig ist der Versuch und Wurf, den die ewige Mutter mit mir gewagt hat. Einmalig ist meine Gestalt und das Geäder meiner Haut; einmalig das kleinste Blätterspiel meines Wipfels und die kleinste Narbe meiner Rinde. Mein Amt ist, im ausgeprägten Einmaligen das Ewige zu gestalten und zu zeigen. …“ (H. Hesse)


Eine leise Melodie erklingt, ein Musiker mit einer Melodica eröffnet die Trauerfeier. Plötzlich begleiten erst zaghaft, dann immer lauter werdende Vogelstimmen die Musik, ein munteres Gezwitscher stimmt ein. Hoch über uns zieht ein Raubvogel seine Kreise. In den Wipfeln der Bäume lösen sich kleine Eiskristalle, die von der durchs Grün schimmernden Sonne erwärmt werden. Ein leises Klirren und Glitzern überall. Frühling liegt in der Luft.


Trauerrede im Wald


Nachdem die Musik verklingt, begrüße ich die Trauergäste und halte die von mir formulierte Abschiedsrede. Die Angehörigen haben mir in einem ausführlichen Gespräch von dem Menschen erzählt, der hier heute seine letzte Ruhestätte finden wird. Ich fasse den Bogen seines Lebens zusammen, erinnere mit meinen Worten an die schönen, guten und auch schwierigen Momente. Die Angehörigen haben viel Zeit und Raum sich zu erinnern, sich gebührend zu verabschieden. Ein Freund des Verstorbenen hält ebenfalls eine kleine Laudatio, dazwischen erklingen immer wieder schöne Musikstücke.


„… Ein Baum spricht: Meine Kraft ist das Vertrauen. Ich weiß nichts von den tausend Kindern, die in jedem Jahr aus mir entstehen. Ich lebe das Geheimnis meines Samens zu Ende, nichts anderes ist meine Sorge. Ich vertraue, dass Gott in mir ist. Ich vertraue, dass meine Aufgabe heilig ist. Aus diesem Vertrauen lebe ich. …“ (H. Hesse)


Gemeinsam spazieren wir durch den Frühlingswald zur Begräbnisstätte, einer großen stattlichen Lärche. Die Angehörigen tragen die Urne selbst. Jeder Schritt mit Bedacht, jeder Schritt gemeinsam, jeder Schritt in Gedanken an den geliebten Menschen. Wir stehen rund um den Baum. Ich atme tief durch und spüre den weichen, federnden Waldboden unter meinen Schuhsohlen.


Die Lärche gilt als zäher Baum, im Altertum war sie als heiliger Schutzbaum und als Heimstatt für den Menschen wohl gesonnene Wesen bekannt. Damals hieß es, in die Lärche schlage niemals der Blitz ein und ihr Holz könne nicht brennen. In der Walpurgisnacht wurden Türen und Fenster mit Lärchenzweigen versehen, um die Bewohner vor Hexen und ihrem Zauber zu schützen. So war es früher.


Die Angehörigen haben sich die Lärche als Familienbaum ausgesucht. An der Rinde ist bereits ein schlichtes Metallschild mit dem Namen, sowie dem Geburts- und Sterbedatum angebracht. Am Fuße des Baumes ein kleines von den Försterinnen zuvor ausgehobenes Loch, in dem in einer feierlichen Zeremonie die Urne beigesetzt wird. Verstreute Rosenblätter überall. Und wieder erklingt aus der Melodica eine schöne Melodie.


Der Wald tröstet


Der Wald beschäftigt all unsere Sinne auf angenehme Art und Weise. Der Wald lässt uns atmen, der Wald lässt uns spüren wie klein und unbedeutend unsere eigene Existenz angesichts des unendlichen Universums doch ist. Der Mensch hat ein existenzielles Bedürfnis nach Natur, diese Verbindung ist jederzeit abrufbar, auch nach vielen Jahren der Entfremdung ist sie immer noch da. Der Wald spendet uns Trost.


„… Wenn wir traurig sind und das Leben nicht mehr gut ertragen können, dann kann ein Baum sprechen: Sei still! Sieh mich an! Leben ist nicht leicht, leben ist nicht schwer! Das sind Kindergedanken. Bäume haben lange Gedanken, langatmige und ruhige, wie sie ein längeres Leben haben als wir …“ (H. Hesse)


Die Trauergäste veranstalten im Anschluss noch einen Waldspaziergang samt Picknick, es wird zusammen geredet, geweint und gelacht. Ich verabschiede mich. Ein Gefühl der Ruhe und Zufriedenheit macht sich in mir breit. Ja, so schön kann eine Abschiedsfeier trotz aller Traurigkeit sein.


Eines ist sicher, auch ich werde irgendwann am Fuße eines schönen Baumes beerdigt sein, eine andere Art der Bestattung käme für mich selbst nicht in Frage. Gib mir die Natur, denn ich brauche sie. Im Wald ist es schön, der Wald tut mir gut.


www.herzenstrost.de (Daniela Mecklenburg, im Mai 2021)